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Nichts bleibt so, wie es einmal war. Der
Kanzler der Einheit wurde letzten Sonntag abgewählt.
Nationale (und auch kommunale!) Grenzen verlieren rasant
an Bedeutung. Man spricht vom "Global village",
dem Globalen Dorf. Naturwissenschaftler produzieren mehr
neue Fragen als Antworten, Zeit und Raum scheinen sich
durch Computernetzwerke und Mulimedia aufzulösen. Schauen
wir mal in eines der typischen Lachte- oder
Luttertaldörfer rings um den heutigen Schauplatz: Dort
leben Familien tief verwurzelt in der anderswo längst
untergegangenen Agrargesellschaft, denken
bäuerlich-traditionell. Die Mehrzahl unserer Bevölkerung
atmet dagegen industrielle Luft von VW, Flessner, Butting
oder WASA, steht aber mit einem Bein schon in der
aufziehenden Informations- und
Dienstleistungsgesellschaft. Erstmals in der
Menschheitsgeschichte treffen sich also drei Epochen im
Raum - mit einer Sprengladung gegensätzlicher Lebensstile
und Zukunftsträume.
Der Chef der Hamburger Handwerkskammer
hielt kürzlich einen bemerkenswerten Vortrag zum
Jubiläum der Lüneburger Bezirksregierung. Ob denn die
Provinz, das flache Land, zukunftsfähig sei an der
Jahrtausendwende? Das Resümee: Eindeutig ja! Kleine
Einheiten seien im internationalen Wettbewerb klare
Gewinner, reagierten flexibler, schneller. Er sprach vom
aufziehenden Zeitalter der Emotionen, in dem immer mehr im
Kopf entwurzelte Weltbürger nach einem Hafen für ihre
Gefühle suchten, nach einer Neuinterpretation des
Begriffes Heimat. Wir Escheder können uns in diese
abstrakte und komplexe Gedankenwelt seit dem tragischen 3.
Juni 1 998 bestens hineinversetzen: Knapp zehntausend
virtuelle Besucher hinterließen binnen eines Monats
Fußspuren auf unseren gerade eröffneten Internet-Seiten,
darunter Dutzende ehemalige Mitbürger die von allen
Kontinenten Anteil nahmen und ihren Gefühlen angesichts
der Dramatik der Ereignisse freien Lauf ließen.
Noch eine Geschichte aus jüngster Zeit
fällt mir ein: Schon lange war ein bekannter Celler
Knäckebrothersteller mit seinen 300 Mitarbeiter/innen zum
Spielball internationaler Konzernstrategien geworden.
Über Nacht fiel jetzt die erneute Verkaufsentscheidung in
irgendeiner anonymen Chefetage in Chicago oder so
ähnlich. Werden Eldinger und Steinhorster Familien davon
betroffen, müssen sie auf moderne Weise um ihre
wirtschaftliche Existenz bangen, die vor 330 Jahren noch
ganz wesentlich von Eichelmast, Wind und Weiter abhing?
Was ließe sich dem entgegensetzen?
Das Schlagwort: "Global denken,
lokal handeln!" könnte helfen. Auch "Denken in
Regionen" passt in dieses Schema. Aber: wie, wo und
wer mit wem?
Hier setzt unsere Idee von dem Magischen
Orten an. Es sind Kultur und gemeinsame geschichtliche
Wurzeln, die den Menschen ihre Identität bewahren, wenn
sich Lebensgrundlagen so fundamental wandeln, wie jetzt
kurz vor der Jahrtausendwende. Magische Orte setzen
Zeichen des Wandels. Die schon hinter uns liegenden
Ereignisse an historischen Plätzen oder vor
Traumkulissen, die geplanten Inszenierungen und
Installationen an Mühlen, Brückengeländern,
Lachtefurten oder in Lutter-Partien fordern zum Hinsehen
und Hinhören auf. Sie verlangen eine Auseinandersetzung
mit der Heimatgeschichte, mit ihren Abbildern und mit dem,
was daraus an Zukunft erwachsen kann. Weil die meisten
Menschen 600-seitige Dorfchroniken heutzutage zwar gern in
repräsentative Schränke stellen, aber selten im Herzen
bewegen, suchen die Magische-Orte-Künstler nach
zeitgemäßen Interpretationen, nach Piktogrammen.
Egners Synthetischer Hirsch an der Weyhäuser Kreuzung ist
ein Beispiel:
Das untergegangene Jagdschloss der Celler Herzöge im
Hintergrund des Un-Tiers ist auf Anhieb ins Gedächtnis
zurückgeholt worden. Man diskutiert und forscht weiter,
überraschende Aspekte zeichnen sich schon ab.
Es war ein Glücksfall, dass sich
engagierte Leute in Steinhorst und Eldingen, aber auch in
den beteiligten Samtgemeinde-Zentralen aus dem Stand in
unser grenzüberschreitendes Konzept einer Vernetzung von
Eckpfeilern der Regionalgeschichte einbrachten. Und man
hätte sich zum Start keine bessere Geschichte wünschen
können, als jene vom Schweinekrieg.
Vielleicht steht das Friedensfest
künftig für den Beginn einer zwanglosen, spannenden, von
Experimentierfreude, Optimismus und Lebenslust geprägten
Zusammenarbeit von rund 50 Südheide- und Heidmarkdörfern
im altsächsischen Gretingau zwischen Aller, Ise und
Lüßwäldern mit knapp 25.000 Menschen auf gut 600
Quadratkilometern Fläche. Das wäre in der Tat eine
Vision, vor der sich niemand fürchten bräuchte, die uns
aber im Standortwettbewerb - touristisch-kulturell
wenigstens -neue Chancen verschaffte. Noch mehr
Friedensfeste? |