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Es
wird Sie nach dem bisher Gesagten kaum überraschen, dass Eugen
Egner seinen Hirsch nicht selbst in Heimwerkerarbeit herstellen
wollte und konnte. In Egners jüngsten Prosawerk. den "
Tagebüchern des Wolfgang Amadeus Mozart, illustriert von mir
selbst", findet sich unter dem 27ten Juno 1789 der Seufzer:
" Von früh bis spät immer mühsame existieren!" Ein
schlichter und wahrer Satz, der auch für den Autor gilt. Für
Bastelarbeiten bleibt keine Zeit. Außerdem macht, soweit ich
weiß schon der Gedanke an eine Säge den empfindlichen Künstler
schaudern. So traf es sich gut, dass es an dieser magischen
Kreuzung zu Weyhausen auch eine Tischlerei gibt, die zum
"Haus der Heide" gehört. Peter Weckmüller, Jurij
Gontar und Mitarbeiter nahmen sich dort der Aufgabe an, Egners
synthetischen Hirsch aus Holz zu bauen und so dem Bild Gestalt zu
verleihen.
Ich
glaube, dass dabei sehr viel gesägt werden musste. Wer die
zierlichen Schaukelpferdchen und Kindermöbel gesehen hat, die
sonst diese Werkstatt verlassen, Werkstücke, die übrigens gar
nicht mal so schlecht zu dem Phantasiekosmos passen, den der
Künstler als "seine Zwergenwelt" bezeichnet -‚wer die
kleinen Spielzeuge und winzigen Holztabletts betrachtet hat,
wundert sich nicht schlecht über monumentale Ausführung des
Hirsches. Wer die knapp bemessenen Türen der Werkstatt bemerkt
hat, fragt sich, wie dieses überlebensgroße Tier überhaupt je
das Licht der Kreuzung erblicken konnte. Nun, es gibt Geheimnisse
im Leben eines synthetischen Hirschen, an die wir nicht rühren
wollen.
Aus
Holz ist also der Hirsch erstanden, auf Holz steht er aber auch.
Ebenfalls an dieser magischen Kreuzung hier gegenüber . lebte
knapp 250 Jahre lang eine Eiche. Sie, die Wegkreuzung und Schloss
schon zu Georg Wilhelms Zeiten überblickt hat, musste jetzt
qefällt werden Mit Rücksicht auf Eugen Egner sage ich jetzt
nicht, dass sie umgesägt wurde. Eine mächtige Scheibe aus ihrem
Stamm, die wie auch immer vom Rest abgetrennt wurde, bildet nun
den Sockel für den synthetischen Hirsch. Er fußt also auch im
wörtlichen Sinne auf der Geschichte dieses Ortes. Jetzt haben wir
die vier Ecken der Kreuzung beieinander - das demontierte Schloss
auf der Nordwestseite die Tischlerei gegenüber, die alte Eiche an
der dritten Ecke, und schließlich hier in der vierten, als
Schlussstein auf den Weyhäuser Zeitläufen, den synthetischen
Hirsch.
Der
Hirsch röhrt auf seiner kleinen Lichtung. Vermutlich schreit er
sogar aus Leibeskräften, man wird es in lauen Mondsommernächten
bis Eschede hören können. Wer sich fragt, worum er eigentlich so
schreit, sollte sehen, dass er uns die Zunge hinstreckt, als ginge
uns das nichts an. Auf jeden Fall wird es kein angenehmes
Geräusch sein, das er da zustande bringt, keines, bei dem man
sich gemütlich in die Sesselecke kuscheln kann, neben sich die
Wand mit den erbeuteten Geweihen. Der überlebensgroße Hirsch
führt uns in eine Zwergenwelt, in der das Wild bedrohliche
Ausmaße annimmt. Man wünscht sich jetzt die Mauern des sicheren
Schlosses zurück, hinter denen man sich verstecken kann.
Allenfalls möchte man einmal kurz durch die Gardine spähen, ob
das Vieh denn immer noch dasteht. Ja, es geht nicht weg. Durch die
Antenne auf seinem Geweih empfängt es die Signale seiner
Artgenossen, die den Spieß umdrehen und eine kleine Treibjagd
durch die Geschichte veranstalten wollen.
Der
synthetische Hirsch wartet. Er wartet auf all die jagenden Grafen
und Herzöge der vergangenen Jahrhunderte. Er ruft nach ihnen. Und
wenn eines Nachts ihr synthetisches Luftschloss an der Wegkreuzung
wiederersteht und sie im Jagdhabit über die Lichtung schweben,
wird ihnen kein Luftgewehr mehr helfen Die mächtige Zunge wird
sie um die Mitte fassen und genüsslich in den Hirschentrichter
hineinrutschen lassen. Ein leise mahlendes Geräusch wird
ertönen, und ein leichter Schleier aus Sägespänen wird kurz den
Mondschein vernebeln.
Nach einer kleinen, zufriedenen Stille erschallt ans Röhren von
Neuem. Und aus den Wäldern klingt es wie Applaus.
Susanne
Fischer
Autorin. Mitarbeiterin der Arno Schmidt Stiftung Bargfeld
lebt in Hohne bei Lachendorf in sicherer Distanz zu den
Heidehirschen
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