|
Nicht nur der Körpergröße verdankte der
"Lange Gries" seinen hohen Wiedererkennungswert.
Spätestens als Willis markantes Heidjer-Konterfei Mitte der
Achtziger auf der Titelseite des Fremdenverkehrsprospektes
erschien, war er zum Aushängeschild Eschedes geworden. Vielen
gefiel das überhaupt nicht eingedenk seines chaotischen
Lebenswandels...
Seine Großeltern Georg und Dorothea Gries, aus
Metzingen und Bargfeld im benachbarten Kirchspiel Eldingen
gebürtig, siedelten sich um die Jahrhundertwende in Eschede auf
der von Maurermeister Behrens begründeten Abbauerstelle
Eichenstraße 41 an. Wie bei den Vorfahren von Rudi Müller
dürfte Eschedes damals herausragender Ruf in der Region als
schnell wachsender Bahnstandort mitgespielt haben. Während die
alten Gries als arbeitsam und bescheiden beschrieben werden,
zeigen sich bei ihrem Hoferben Hermann, Jahrgang 1899, jene
Anlagen, die sich in dritter Generation bei unserem Willi noch
ausgeprägter in Richtung Dorforiginal entwickeln. Vater Hermann,
verheiratet seit 1929 mit Alma Sonemann aus Langlingen, hielt
nicht sehr viel von Arbeit. Mutter Alma war in der Erinnerung
ihrer Verwandten herzensgut, arbeitete und ärgerte sich halbtot.
Weil die Kleinbauernstelle zum Leben und Sterben
nicht reichte, hielten sich sowohl Vater Hermann als Sohn und
Hoferbe Willi Gries mit Lohnfuhren über Wasser. Sie hatten sich
auf Bauholztransporte spezialisiert - und auf das Fahren des
Escheder Leichenwagens. Viele örtliche Anekdoten und Legenden
ranken darum. So soll es ein nächtliches Wettrennen zweier
solcher eisenbereifter und pferdebespannter Leichenwagen mit dem
Konkurrenten Kruse von der Bauernsiedlung gegeben haben. Manche
haben noch heute den Donnerhall vom Kopfsteinpflaster der
Bahnhofstraße im Ohr.
Präzise überliefert ist folgende Geschichte:
Bei Quindel in der Bahnhofswirtschaft hatte man kräftig einen
getankt. Kripomann Herbert G. war nicht mehr gehfähig. Wie von
der Tarantel gestochen raste Willi nach Hause, spannte den
Leichenwagen an und jagte mit dem schwarzen Fuhrwerk durchs Dorf,
dass die Funken stoben - Vater Hermann auf dem Fahrrad laut
gestikulierend hinterher. Erst nach großem Palaver ließ Gries
von seinem makabren Plan ab. Dies mag eine Schlüsselszene aus dem
Leben der beiden Gries gewesen sein. Oft gingen sie getrennte,
ebenso häufig aber auch gemeinsame Wege. Kneipen und andere
Etablissements der Heideregion hatten es ihnen angetan: Im
"Teufel", "Hinter den Höfen" in Celle oder in
der Uelzener "Oase" ließ man die Puppen tanzen.
Willi genoss dort überall einen mörderischen
Ruf, weil von der Natur großzügig ausgestattet. Das konnte schon
mal 'ne Kuh kosten, was dann in der Tat gelegentlich zu
Notverkäufen an Viehhändler Müller und daraus resultierenden
Handgreiflichkeiten zwischen Vater und Sohn führte.
In den Fünfzigern bestand wohl noch Aussicht,
dem Junior geordnete Wege zu bahnen. Eine Braut aus dem
Lüneburgischen war im Gespräch, und als Handlanger bei
Maurermeister Herbert Obst kam halbwegs regelmäßig etwas Geld
herein. Wenn er denn wollte, konnte der "Lange Willi"
nämlich ordentlich arbeiten und war, wie immer wieder zu hören,
durchaus clever auf seine Art. Es fehlte jedoch zeitlebens an
Vorbildern und Führung. Spätestens nach dem Tod von Mutter Alma
1973 nahmen Alkoholexzesse und Verwahrlosung dramatisch zu.
Jagdpächter Eggen lieh den bewährten "Obertreibern"
Hermann und Willi Geld. Abhängigkeiten wuchsen. Eines Tages war
der Hof nicht mehr zu halten.
Vater Herrmann starb 1980. Es blieb für Willi
nur ein dürftiges Wohnrecht im Elternhaus. Im Frühjahr 1986
stand das gesundheitliche Ende ebenfalls bevor. Nach
Krankenhausaufenthalt schien eine Heimeinweisung nach Weyhausen
ohne Alternative. Aufgrund von Beratungen im örtlichen
Verwandtenkreis übernahmen die Cousinen Inge Rogosinski und
Reinhild Gries spontan Willis Betreuung. Seine Verhältnisse
begannen sich zu konsolidieren, man sah den "Langen"
jetzt ständig auf der Kreuzung, nie ohne seinen treuen Begleiter
"Lümmel".
Clever genug, den beginnenden Kult um die
"Drei" als späten Triumph zu begreifen, bekam sein
Blick altersweise Züge. Als Zaungast bei den drei schon heute
legendären Heide(n)spektakeln bewegte er sich als Weltbürger
zwischen vielen illustren Gesichtern. Nach kurzem
Krankenhausaufenthalt kam dann doch bald sein Ende: Am 1. Oktober
1992 verstarb Willi Gries im 61. Lebensjahr. Er wurde in
Sichtweite des Elternhauses auf dem Escheder Friedhof begraben -
nur mäßig betrauert von seinen Zeitgenossen.
zurück
|